Frauen sollen ihre Talente in die Gesellschaft einbringen

Regionalpolitik


Michaela Karl und Hubert Ramesberger werden nach dem gelungenen Abend zum Frauenwahlrecht mit Blumen beschenkt.

90 Jahre Frauenwahlrecht mit Lesung gefeiert

Landshut / Mainburg

Zur Lesung mit Michaela Karl konnte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, MdL Johanna Werner-Muggendorfer im vollbesetzten Gasthaus „Ildiko“ in Mainburg begrüßen. Auch einige Männer hatten sich eingefunden, um aus dem Buch „Bayerische Amazonen“ Interessantes aus zu erfahren, unter ihnen stv. Landrat Edgar Fellner und die Kreisräte Heinz Reiche und Karsten Wettberg. Gemeinsam mit dem SPD-Kreisverband aus Landshut hatte man zu diesem Abend eingeladen, um daran zu erinnern, dass es seit 90 Jahren ein Frauenwahlrecht gibt. Muggendorfer begrüßte deshalb auch recht herzlich alle Frauen aus dem Landkreis Landshut, besonders die Kreis- und Fraktionsvorsitzende Ruth Müller aus Pfeffenhausen und die Stadtverbandsvorsitzende Anja König aus Landshut.
In einem kurzen Rückblick ging Werner-Muggendorfer auf das Entstehen des Frauenwahlrechts ein.
Dass Frauen das aktive und passive Wahlrecht ausüben können, ist im Übrigen auch ein Verdienst der SPD: Am 12. November 1918 erhielten die Frauen in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht. Es waren vor allem Sozialdemokratinnen, die das allgemeine, gleiche Wahlrecht für Mann und Frau forderten und ohne die das Frauenwahlrecht so früh vermutlich nicht hätte durchgesetzt werden können. Dem war ein langer und mühsamer, aber auch sehr entschlossener und mutiger Kampf voraus gegangen, stellte Muggendorfer fest. Und am 19. Januar 1919 konnten Frauen aus Deutschland erstmals auf nationaler Ebene ihr Wahlrecht wahrnehmen.
Ihr sei es wichtig, mit dieser Veranstaltung Frauen auch Mut zu machen, sich politisch zu engagieren, Neues zu wagen und sich einzumischen in die politische Gestaltung der Kommunen.
Sehe man in die politischen Parlamente hinein, so könne man feststellen, dass diese noch immer von Männern dominiert seien, weiß Muggendorfer aus eigener Erfahrung.
„Würden Frauen konsequent Frauen wählen, sähen die Parlamente anders aus und auch auf die Politik hätte dies positive Auswirkungen“, so die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im bayerischen Landtag. Natürlich sei es nicht einfach, Familie, Beruf und politisches Ehrenamt „unter einen Hut“ zu bringen. Dennoch sei eine politische Tätigkeit auch stets eine persönliche Bereicherung und erweitere den Horizont.
Die Autorin Michaela Karl stellte exemplarisch drei Frauen aus ihrem Buch vor: Zenzl Mühsam, Liesl Karlstadt und Carola Neher – alle drei waren aufrührerische Frauen, die um die Jahrhundertwende mit Geist, Mut und Persönlichkeit gesellschaftliche Grenzen überschritten und Neues gewagt haben.
Zenzl Mühsam, die von 1884 bis 1962 gelebt hat, verlor ihren Mann im Konzentrationslager und wurde selbst zu 8 Jahren Lager verurteilt. Gemeinsam mit ihrem Mann Erich Mühsam protestiert sie für die antimilitaristische revolutionäre Einheitsfront, die den Krieg beenden und das alte System hinwegfegen soll. Mühsam wird 1919 Mitglied der Ersten Bayerischen Räterepublik und später verhaftet. In den späten zwanziger Jahren versuchen die beiden, die Opposition auf eine Volksfront gegen den Faschismus einzuschwören. Im März 1933 wird Mühsam verhaftet und 1934 ermordet. Zenzl Mühsam flieht nach Prag und später nach Moskau und kann erst 1955 in die DDR ausreisen.
Im Rampenlicht steht auch Liesl Karlstadt – als Komödiantin mit Karl Valentin bekannt geworden. Doch dass Liesl Karlstadts Leben mit Karl Valentin auch schicksalhaft ist, wissen die wenigsten. Valentin ist verheiratet, Karlstadt ist die Geliebte. Von beiden kann er nicht lassen, doch auch seine Frau Gisela und Liesl Karlstadt können von ihm nicht lassen. Immer wieder versucht Liesl Karlstadt, eigenständig zu werden, zwei Selbstmordversuche folgen und als 1948 Karl Valentin an einem Rosenmontag stirbt, bricht für sie eine Welt zusammen. Doch sie gibt sich nicht geschlagen – unvergessen ist sie vielen in der Rolle der „Mutter Brandl“ und auch der deutsche Film entdeckt sie.
Mit Carola Neher (1900 – 1942) stellte Michaela Karl ebenfalls eine Schauspielerin dar, die Höhen und Tiefen erlebte: Von der Banklehre, die sie nur widerwillig antrat, weil sie von Glanz und Berühmtheit träumte bis hin zu ihrem Tod bei einem Gefangenentransport in Russland. Die kapriziöse Schauspielerin heiratet den sensiblen Dichter „Klabund“ (Alfred Henschke), der ihr Stücke auf den Leib schreibt, mit denen sie beide erfolgreich sind. Auch Bertold Brecht sieht in ihr die ideale Verkörperung der Polly Peachum in der „Dreigroschenoper“ und behält recht. Doch auch Carola Neher kann den Zeichen der Zeit und nicht entrinnen – die Nationalsozialisten kommen an die Macht und sie flieht nach Prag und später nach Moskau. Im Strudel der Stalinistischen Säuberungen und durch Denunzierung wird sie verhört und verhaftet. Jahre im Lager und in fünf verschiedenen Gefängnissen folgen – doch ihr Widerstand ist ungebrochen, wovon auch ihr langes Strafregister zeugt. 1959 wird sie rehabilitiert – in den Akten heißt es lapidar: „Die Angelegenheit ist abgeschlossen wegen der Nicht-Existenz des Verbrechens“.
Hubert Ramesberger verstand es hervorragend, die Lesung gefühlvoll mit dem Akkordeon und der Harmonika zu begleiten – Liesl Karlstadt´s Lieder sang er dazu. „Und der Haifisch, der hat Zähne…“ – diese Melodie setzte er gekonnt bei der Vorstellung Carola Nehers immer wieder ein, um die Zuhörer auch musikalisch mitzunehmen auf die Reise durch Geschichte und Zeit dieser drei Frauen, die mit ihrem Mut und ihrer Willenskraft eine Herausforderung für die Gesellschaft waren.
Gemeinsam mit der Kreisvorsitzenden der Landshuter SPD, Ruth Müller bedankte sich MdL Johanna Werner-Muggendorfer bei den beiden Künstlern für diesen gelungenen Abend und forderte alle Frauen auf, sich mit ihren verschiedenen Talenten in die Gesellschaft einzubringen.

 

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